Sie wissen nicht, wo es lang geht?
Was es braucht, um gute Entscheidungen zu treffen

Eigentlich ist es etwas Schönes, sich zu entscheiden. Denn sich entscheiden heisst, Freiheit wahrzunehmen. Genau hier entsteht ein Paradox: vor dem Entscheid habe ich die Freiheit der Auswahl, nach dem Entscheid nicht mehr – die Freiheit wird sozusagen kleiner. Denn oft gibt es nach dem Entscheid kein Zurück mehr. Das gilt für vieles im Leben, ganz besonders für die berufliche Laufbahn. Wir treffen oft Entscheide von grosser Tragweite. Also müssen "richtige" Entscheide her. Doch wie entsteht ein guter Entscheid? Dazu wurde viel geforscht und geschrieben, und es gibt mehrere Denkansätze und Strategien, die zu guten Entscheiden führen können. So sollte man meinen, dass wir heute das Wissen haben, um nur gute Entscheide zu fällen. Doch die Sache hat mehr als einen Haken.

Wie fällt man gute Entscheide? Diese Frage treibt die Menschen seit langem um, wichtige Entscheide prägen die Weltgeschichte. Jeder Entscheid braucht eine Grundlage, ohne die er nicht zu fällen ist: das Ziel. Wohin soll der Entscheid führen? Das mag trivial erscheinen, ist aber oft genau der Knackpunkt. Wer Schwierigkeiten hat, Entscheide zu fällen, hat vielleicht das Ziel noch gar nicht oder zu unklar definiert (z.B. «ich will endlich glücklich werden») oder aus den Augen verloren. Um das Ziel zu definieren, muss ich wissen, wo ich heute stehe.

Erster Schritt: Standortbestimmung

Das führt uns zur ersten Bedingung, um einen tragfähigen Entscheid fällen zu können: Ich muss meinen heutigen Standort im Beruf, im Leben, in der Beziehung usw. kennen und daraus ableiten, wo ich hin möchte. Die Standortbestimmung ist somit die Grundlage für die Zieldefinition, und das Ziel die Grundlage für die Entscheide, die zum Ziel führen.

Und da kommen wir schon zum nächsten Punkt: viele Wege führen nach Rom. Wie erreiche ich das Ziel möglichst sicher, effizient und nachhaltig? Je komplexer die Sache ist, umso weniger gibt es ein Richtig oder Falsch. Soll ich nach der Schule eine Berufslehre absolvieren oder die Mittelschule, um später einmal eine gute Position mit entsprechendem Lohn zu bekommen, die mir obendrein auch noch gefällt? In den wenigsten Fällen gibt es einen richtigen oder falschen Entscheid oder das Ziel ist derart weit weg, dass es kaum der Orientierung dient. Also müssen andere Kriterien her. Gehe ich gerne zur Schule? Möchte ich lieber praktisch arbeiten, dafür später wieder intensiver zur Schule gehen? Was sind meine Fähigkeiten, meine Talente? Die zweite Bedingung für einen guten Entscheid ist, ein erreichbares Ziel zu definieren.

Gibt es DEN richtigen Entscheid?

Schnell wird klar: oft braucht es eine ganze Kaskade an Entscheiden, um ein langfristiges Ziel zu erreichen. Dann kommt noch hinzu, dass sich das Ziel mit der Zeit verändern kann. Ein früher gefällter Entscheid passte zum damaligen Ziel, aus heutiger Sicht war er aber doch nicht so gut. Das konnte ich aber im Voraus nicht unbedingt wissen. Merken Sie etwas? Oft ist es gar nicht möglich, einen hundertprozentig richtigen Entscheid zu fällen.

Wie kann ich aber einen optimalen Entscheid fällen? Der vielleicht, sagen wir, zu siebzig bis achtzig Prozent passt? Möglichst viele Szenarien durchspielen, mit verschiedenen Menschen sprechen, die die Sache aus verschiedensten Blickwinkeln anschauen. Je unterschiedlicher die Meinungen, umso besser! So können wir Optionen abwägen und uns für die beste entscheiden. Oder völlig neue Wege sehen.

Entscheide von grosser Tragweite müssen oft auf dem Hintergrund von grösserer Komplexität, vielen Unbekannten und eigenen Ängsten getroffen werden. Daher sollten Sie wenn möglich nicht einsam und alleine entscheiden, sondern in einem Team, seien dies die eigene Familie, Fachleute, Freunde oder – je nach Thema – Betroffene und Beteiligte.

Die Sache mit dem "einsamen Entscheid"

Einsam gefällte Entscheide von grosser Tragweite bergen oft enorme Risiken, besonders wenn der Entscheider oder die Entscheiderin sich überschätzt (oder unterschätzt) oder über zu wenige Informationen verfügt. Zapfen Sie also möglichst viele fremde Gehirne an, die mit Ihnen mitdenken. Das wäre dann die dritte Bedingung, um einen guten Entscheid zu treffen.

Wer entscheidet, der Bauch oder der Kopf? Je grösser die Lebenserfahrung, desto sicherer wird die Intuition. Wer schon viele Situationen erlebt, viele Entscheide gefällt hat, spürt recht schnell und oft verblüffend treffsicher, wo es langgehen könnte. Wer noch unerfahren ist – sei es wegen dem jugendlichen Alter oder weil das Thema neu ist, wird eher mit dem Kopf entscheiden und auf Unterstützung angewiesen sein.

Dann gibt es noch jene Menschen, die gar nicht gerne entscheiden und es am liebsten beim Nicht-Entscheid bewenden liessen. Wer nicht entscheidet, für den wird entschieden. Entscheiden heisst Freiheit wahrnehmen, diese aber gleichzeitig einzuschränken. Wer nicht entscheidet, um sich diese Freiheit zu bewahren, läuft Gefahr, die Entscheidungsfreiheit ganz zu verlieren. Daraus ergibt sich die vierte Bedingung für einen guten Entscheid: entscheiden Sie!

Empfehlenswerte Literatur zum Thema Entscheiden:

Evans, Dylan: RQ Risikointelligenz – Wie wir richtige Entscheidungen treffen; Droemer, 2013

Zwygart, Ulrich: Wie entscheiden Sie? Haupt, 2007

Mai, Jochen: Warum ich losging, um Milch zu kaufen und mit einem Fahrrad nach Hause kam; dtv Verlagsgesellschaft, 2016

Digitale Zukunft – Weg ins Paradies oder in die Hölle?
Im aktuellen Hype um den digitalen Strukturwandel helfen Gelassenheit, Neugierde und Selbstkenntnis

Offenbar leben wir in einer Zeit grosser Umbrüche. Wohin führt die Reise? Was brauchen wir, um im Strukturwandel zu bestehen? Reichen Neugierde, Offenheit, Lernbereitschaft? Wir tun sicher gut daran, uns auf Veränderungen einzustellen und flexibel zu bleiben. Dabei helfen eine gute Portion Gelassenheit und Selbstkenntnis.

Unsere Vorfahren wie auch unsere Generation haben schon so manche Strukturwandel durchlebt, wirtschaftliche, kulturelle, politische. Entsprechend hat sich die Gesellschaft immer wieder verändert – Gott sei Dank. Können Sie sich vorstellen, zu leben wie vor 100 oder 150 Jahren? Und noch wichtiger: wie wird es in 10, 20 oder 50 Jahren zu- und hergehen? Die Zukunftsforscher sind sich da nicht so einig. Für die einen droht die Hölle in Form von Massenarbeitslosigkeit, Totalüberwachung und konstanter Überforderung durch sich selbständig machende künstliche Intelligenz. Andere sehen das Paradies nahen und glauben, dass die meisten Menschen nur noch zum Zeitvertreib arbeiten werden. In einem sind sich die meisten Autoren einig: die Technologie an sich ist weder gut noch böse, sondern einfach das, was wir daraus machen.

Wer ist verantwortlich?

Dies gilt im Grossen wie im Kleinen: es liegt in der Verantwortung der Techgiganten, Innovatoren und des Staates, dass neuen Technologien zu Gunsten der Menschheit genutzt und nicht gegen sie verwendet werden. Und es liegt an jedem einzelnen von uns, neue Technologien verantwortungsvoll zu verwenden. Das gilt auch im Zusammenhang mit dem beruflichen Fortkommen in Zeiten des Umbruchs. Gerade bei sich abzeichnenden schnellen Veränderungen tun wir gut daran, diese mit Neugierde zu beobachten und für uns die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wann wird es wichtig, eine berufliche Veränderung anzustreben, weil der Arbeitsplatz an Attraktivität verliert oder gefährdet ist, weil Algorithmen meine Arbeit übernehmen? Oder wo eröffnen sich neue Chancen, die ich packen will? Berufliche Entscheidungen wollen gut durchdacht und geplant sein. Allerdings sind auch die Arbeitgeber in der Pflicht, ihre Mitarbeitenden auf einen technologischen Wandel im Unternehmen vorzubereiten und sie bei dessen Bewältigung zu unterstützen, sei es, dass sie die nötigen Weiterbildungen ermöglichen oder Unterstützung bieten für eine berufliche Standortbestimmung. Vor allem im Zuge von Stellenabbau ist dies besonders wichtig. Die Geschichte zeigt, dass jeder Strukturwandel Sieger und Verlierer hervorbrachte. Je besser die Gesellschaft auf einen Strukturwandel vorbereitet war, umso kleiner war das Feld der Verlierer – und umgekehrt.

Gelassenheit, Neugierde und Flexibilität

Jeder und jede ist also aufgefordert, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, sie auch kritisch zu hinterfragen. Was machen mein Smartphone und andere smarte Geräte, ohne dass ich es weiss? Wer hat Zugriff auf welche Daten und welche Daten gebe ich preis? Mit welchen Konsequenzen? Zusehends werden Wissen rund um Datenschutz, Technologie und Gerätekenntnisse zu einer Schlüsselqualifikation, so wie es heute etwa Office-Kenntnisse sind. Was braucht es also, um für einen rasanten technologischen Wandel gewappnet zu sein? Und die sich daraus ergebenden Chancen nutzen zu können? Sicher Lernbereitschaft und bewusste Auseinandersetzung mit der alltäglichen Nutzung des Internets und hochentwickelter Gadgets. Und Gelassenheit im Wissen, dass dies einer von vielen Strukturwandeln ist, die wir schon erlebt haben. Und dass weitere folgen werden. Zudem – und das ist vielleicht das Wichtigste – dürfte Flexibilität gefordert sein. Wie ist die zu erreichen? Wer sich immer wieder die Frage stellt, welche Möglichkeiten es auch noch geben könnte, welche Interessen und Stärken vorhanden sind und neugierig bleibt, ist schon einmal auf einem guten Weg. Im Zentrum stehen also das Wissen um die eigenen Ressourcen und Potenziale und neugieriges Beobachten.

Vermutlich wird die Arbeitswelt der Zukunft irgendwo zwischen Paradies und Hölle liegen und Möglichkeiten bieten, die wir heute noch gar nicht kennen.

Jürg Enderli / meine-laufbahn.ch

 

Verwendete Literatur

Technology vs. Humanity
Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine
Gerd Leonhard
Vahlen 2017

Die Wirtschaftswelt der Zukunft
Wie Fortschritt unser komplettes Leben umkrempeln wird
Alec Ross
Plassen, 2018

Das Digital
Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus
Viktor Mayer-Schönberger / Thomas Ramge
Econ, 2017

Homo Deus
Eine Geschichte von Morgen
Yuval Noah Hariri
C.H. Beck, 2017

Superintelligenz
Szenarien einer kommenden Revolution
Nick Bostrom
Suhrkamp, 2014

Wenn die Warnlampe blinkt:
Wer sich nie weiterbildet, könnte in Gefahr geraten

Berufswechsel sind heute eine Selbstverständlichkeit: wer sich lange Zeit beruflich nicht verändert, erntet schnell einmal mindestens Verwunderung. Heisst das, berufliche Veränderung ist ein Muss? Und wer sich nicht verändert, endet in der Sackgasse? Nein, aber wer lange in derselben Situation verbleiben möchte – oder muss - sollte einiges beachten. 

Wie oft haben Sie Ihre berufliche Situation verändert? Sind Sie um die 50 Jahre alt, so wird das mit einiger Wahrscheinlichkeit mehr als vier Mal in Ihrem Leben passiert sein. Aus freien Stücken in den meisten Fällen, zuweilen auch unfreiwillig. Wie auch immer, vermutlich werden Sie Ihre berufliche Veränderung im Nachhinein als positiv werten. Die Statistiken mindestens sprechen eine ziemlich deutliche Sprache: rund 80 Prozent der Personen, die sich innerhalb der letzten fünf Jahre beruflich verändert haben, sind heute glücklicher als zuvor. Umgekehrt fühlen sich jene Menschen eher unglücklicher, welche seit über 10 Jahren in der selben beruflichen Situation verharren. Aber mit den Statistiken ist so eine Sache. Vielen geht es bestens, auch nach 15 Jahren in der selben beruflichen Situation.

Plötzlich kann sich alles ändern

Wenn beruflich alles stimmt und kein Anlass zur Veränderung da ist, gibt es gute Gründe für den Verbleib. Allerdings gibt es doch so manches zu bedenken. Die Versuchung ist nämlich gross, keine Weiterbildungen zu besuchen, wenn man selbst keine berufliche Veränderung anstrebt. Das kann unter Umständen zu einem Problem werden, besonders dann, wenn man plötzlich durch äussere Umstände zu Veränderungen gezwungen wird. Sei dies durch Stellenverlust oder durch plötzlich steigende Anforderungen am bisherigen Arbeitsplatz beispielsweise durch die Digitalisierung. Das gewohnt gute Arbeitsklima kippt, Vorgesetzte werden fordernder, was gestern noch Routine war, gibt’s heute nicht mehr. Mit dieser Sache verhält es sich ähnlich wie mit Zahnschmerzen: wenn man sie hat, wird’s teuer. Der Zahnschaden hätte sich vielleicht durch gute Zahnpflege verhindern lassen.

Weiterbildung als Prävention

Im Berufsleben ist es ähnlich: wer an seiner Position in Not gerät, muss sich verändern können, sonst kann es weh tun. Denn nun fehlt es vielleicht gerade an jenen Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind, aber über all die Jahre an der bisherigen Stelle nie gefordert und gefördert wurden. Im Bewerbungsdossier, das zur neuen Stelle verhelfen soll, fehlt das einschlägige Weiterbildungsportfolio.

Wer sich weiterbildet auch wenn die aktuelle berufliche Situation nichts zu wünschen übriglässt oder dies nicht erfordert, schaut etwas über den Tellerrand hinaus, setzt sich mit Neuem auseinander und Lernen wird etwas Alltägliches – und ist bei Veränderungen gewappnet und kann flexibel reagieren. Weiterbildung ist also nicht nur Schmiermittel für die Karriere – das ist übrigens ein weitverbreitetes Missverständnis – sondern wertvolle Prävention.

Welche Weiterbildung soll es denn sein?

Bloss: welche Weiterbildung soll es denn sein? Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten und in sich selber hineinhorchen hinsichtlich Interessen und Fähigkeiten können schon aufschlussreich sein. Möglicherweise hilft auch eine Laufbahnberatung weiter. Allein schon diese Auseinandersetzung wird Sie weiterbringen. Und dem Arbeitgeber signalisieren: ich bin neugierig und möchte dranbleiben.

Fühlen Sie sich ertappt? Sie befinden sich schon seit langer Zeit in der selben beruflichen Position beim selben Arbeitgeber? Und Sie haben seit Jahren kaum mehr Weiterbildungen besucht? Da sollte eine Warnlampe blinken.

Diffuse Unzufriedenheit:
Raus aus der Tretmühle!

In der beruflichen Tretmühle können alle einmal landen: was einmal interessant war, ist jetzt grauer Alltag. Und Veränderungen zeichnen sich nicht ab. Wie neuere Forschungen zeigen, trifft es über 50-Jährige in besonderem Mass, betroffen sind aber alle Altersgruppen. Wie kommt man da wieder heraus? Ein Punkt scheint dabei besonders wichtig und bei näherer Betrachtung entlastend: Tretmühlen sind oft selbstgemacht.

Was ist eine Tretmühle überhaupt? Zuallererst ein subjektives Gefühl. Nur selten kommt jemand von aussen und sagt: «Du bist in der Tretmühle!». Der eine wähnt sich in einer beruflichen Sackgasse, während für andere der ehemals interessante Job zum grauen Alltag geraten ist – selbst in anspruchsvollsten Tätigkeiten und hohen Kaderpositionen. «War’s das nun?», ist eine typische Frage in dieser Situation. Die Entwicklung ist meist schleichend, diffus. Das macht die Sache nicht einfacher.

Oft schwierige, aber heilsame Erkenntnis

Wer sich selbst in der Tretmühle wiederfindet, sollte dieses Gefühl unbedingt ernst nehmen. Denn es kann ein erstes Anzeichen sein für eine ungesunde Entwicklung, welche ins berufliche Abseits beispielsweise in Form von Burn- oder Boreout führen kann – oder ist einfach Ausdruck von Unzufriedenheit, vielleicht sogar in einem goldenen Käfig. Wenn der Lohn zwar stimmt, aber der Arbeitsinhalt nicht mehr, kann diese Erkenntnis besonders schwierig sein und wird zunächst oft einmal ignoriert und verdrängt. Aber es ist heilsam, der inneren Stimme bewusst nachzugehen. 

Heilsam ist die Erkenntnis der Tretmühle deshalb, weil es meist verschiedene Möglichkeiten gibt, sich von ihr zu befreien, ist sie mit ihren Ursachen erst einmal erkannt. Und je früher die Erkenntnis, umso grösser der Handlungsspielraum. Wer bereits seit längerer Zeit unter den Folgen leidet, wie beispielsweise Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit oder ständiger Müdigkeit – um nur einige zu nennen – wird mitunter einen schlechteren Zugang zu den gerade jetzt so wichtigen persönlichen Ressourcen finden. So sind Treffen mit Freunden oder sportliche Betätigung nur noch eine Anstrengung, braucht man doch seine Ruhe. Und mit der Partnerin oder dem Partner möchte man auch nicht dauernd die eigenen Probleme wälzen und beginnt sich in Schweigen zu hüllen oder reagiert gereizt auf das Thema. Der Handlungsspielraum wird als stark eingeengt wahrgenommen.

Was benannt ist, wird greifbar

Wie erwähnt, ist es wichtig, die Anzeichen ernst zu nehmen und diese zu reflektieren: was genau macht mich unzufrieden? Kenne ich das von früher? Wenn ja, was habe ich damals gemacht? Oder ist es das erste Mal, besonders in dieser Heftigkeit? Liegt die Ursache allein im beruflichen Umfeld, oder spielt das Private eine grosse Rolle? Was wäre anders, wäre dieses Tretmühlengefühl plötzlich nicht mehr da?

Das sind wichtige Fragen, und für jeden oder jede sind sie etwas anders zu stellen. Denn die Formen sind so verschieden wie die Menschen und ihr Umfeld. Eine genaue Analyse kann schon einmal viel Erleichterung schaffen. Das manchmal quälend Diffuse gewinnt an Form, denn was benannt ist, wird greifbarer. Und was greifbar wird, lässt sich konkreter angehen. Somit ist der erste Schritt: analysieren und die Sache beim Namen nennen. Oft ist es schon eine grosse Hilfe, sich in einem ruhigen Moment hinzusetzen und alles aufzuschreiben. Manchmal braucht es externe Begleitung, vielleicht auch nur punktuell. Und wie weiter, wenn da mehr Klarheit besteht? Dann kann ganz erstaunliches passieren. Dann nämlich finden sich Lösungen wie von selbst. Oder es bestehen Grundlagen für wichtige Entscheide, die vielleicht schon längst hätten gefällt werden müssen.

Tretmühlen können immer auftauchen. Sie wahrzunehmen ist wichtig, wie auch die dahinterliegenden Probleme anzugehen. Und betrachten wir Tretmühlen als das, was sie oft sind: Wegweiser.

Umgang mit Technik:
Schwache Junge – starke Chance für Alte

Gewissheiten entpuppen sich zuweilen als Mythen.

Einer davon ist, dass die «Digital Natives» über eine digitale Hochbegabung verfügen, schliesslich sind sie mit digitalen Gadgets aufgewachsen. Falsch.

Das Gegenteil ist gemäss einer niederländisch-belgischen Studie der Fall. Das ist eine schlechte Nachricht für die zwischen 1980 und um die Jahrtausendwende Geborenen – dafür eine gute Nachricht für die älteren Semester. Letzlich ist die digitale Transformation für alle eine Herausforderung. "Jürg Enderli"

Die Generationen „Gen Y“ und „Millenials“ haben offenbar kaum Vorteile aus der so früh in ihrem Leben erfolgten digitalen Sozialisation – im Gegenteil. Gemäss der Studie mit dem entlarvenden Titel „The myths of the digital native und multitasker“ haben die betreffenden jungen Leute sogar Nachteile, da sie hinsichtlich ihrer digitalen Fähigkeiten oft überschätzt werden – und sich nicht selten selbst überschätzen. Die Begegnung mit ungewohnten Anwendungen beispielsweise an neuen Arbeitsstellen führen zu Überforderungssituationen, da von Fähigkeiten ausgegangen wird, die nicht vorhanden sind. Das Ergebnis sind schlechte Einarbeitung, Frustration auf beiden Seiten und zuweilen Widerstände der Betroffenen gegenüber den Anwendungen. Dabei muss es sich nicht einmal um besonders ausgeklügelte oder seltene IT-Produkte handeln, sondern oft um Standards wie Excel, Word oder Ähnliches beispielsweise mit branchen- oder unternehmensspezifischen Eigenheiten.

Kennen der Schwächen ist eine Stärke

Die älteren Generationen wissen, dass sie sich einarbeiten und erkundigen müssen, Sie erkennen die Unwissenheit als Normalfall. Das macht aus ihnen keine schlechteren IT-Anwender, im Gegenteil. Die Sache hat allerdings auch für sie einen Haken: Wer sich lange Zeit kaum mit IT-Anwendungen befasst, verliert schnell den Anschluss. Diese Personen werden je länger je grössere Probleme haben, mit sich entwickelnder IT Schritt zu halten, einen Stellenwechsel zu vollziehen oder nach einem Stellenverlust eine neue Stelle zu finden – gerade in Zeiten der digitalen Transformation.

Und staunend stellen wir fest, dass die Millenials & Co mit der älteren Generation oft im selben Boot sitzen. Während sich die einen überschätzen, trauen sich die anderen zu wenig zu oder haben schlicht zu wenig Anwenderkenntnisse. Das mündet in der Praxis ins selbe Problem: Mangelnde Anwendungskompetenz und Widerstände gegenüber neuen IT-Skills.  Was also tun? Weiterbildungen besuchen? Vielleicht, aber dazu braucht es erstens einen äusseren Anstoss und zweitens die Möglichkeit, das Erlernte auch sofort und täglich anzuwenden. Da offenbart sich ein Dilemma mit der IT: Wie im Sport sollte man immer ein bisschen etwas tun, um fit zu bleiben, doch wie soll das gehen, wenn man den Sport im Alltag nicht braucht? Ein möglicher Lösungsansatz ist vielleicht so einfach wie das Schwimmen von zehn Längen im Hallenbad oder das Absolvieren einer ausgedehnteren Fahrradtour.

Viele Lernfelder auch zu Hause

Das Internet bietet längstens nicht mehr nur Seiten um Ferien zu buchen oder Zeitung online zu lesen. Seit einiger Zeit hat beispielsweise das Cloudcomputing Otto Normalverbraucher erreicht (etwa in Form von Dropbox oder iCloud), eine Technologie, die aktuell in vielen Unternehmen in grossem Stil eingeführt wird. Oder wie einfach lässt sich eine noch gut funktionierende aber in die Jahre gekommene Stereoanlage digitalisieren. Man muss sich bloss mit der entsprechenden Technologie befassen und diese anwenden (schon mit weit unter 200 Franken ist man dabei).

Das sind Kenntnisse, die es so an der Arbeitsstelle kaum direkt braucht. Aber wer es geschafft hat, die 15 Jahre alte Stereoanlage nun mit dem iPhone zu bedienen und Cloudlösungen für sich privat entwickelt hat, wird selbstsicherer, lernt die richtigen Fragen zu stellen und verliert die Angst vor der Anwendung neuer Technologien. Und bekommt vielleicht sogar noch Lust auf mehr.

Es ist wie im Sport: für ein angenehmeres und gesünderes Leben muss man keinen Marathon laufen. Für das Erlangen von IT-Kompetenz muss man nicht zum Programmierer werden. Sich täglich ein wenig – dafür ernsthaft – damit zu befassen, kann schon reichen.